Was man für 100 Euro in verschiedenen Städten Montenegros kaufen kann
Zahlen wir in Tivat für eine Tasse Kaffee so viel, wie man in Bijelo Polje für ein Familienessen bezahlt? Wir rechnen nach, wie viel 100 Euro in verschiedenen Städten Montenegros tatsächlich wert sind. Der Unterschied im Lebensstandard und in der Kaufkraft zwischen den montenegrinischen Regionen ist heute ...
In Tivat zahlen wir für eine Tasse Kaffee so viel, wie in Bijelo Polje für ein Familienessen? Wir rechnen aus, wie viel 100 Euro in verschiedenen Städten Montenegros tatsächlich wert sind.
Der Unterschied im Lebensstandard und in der Kaufkraft zwischen den Regionen Montenegros ist heute so groß, dass er faktisch zwei parallele Realitäten schafft — den wirtschaftlich wohlhabenden Süden und die Hauptstadt sowie den deutlich ärmeren Norden des Landes.
Die Durchschnittsgehälter an der Küste und in Podgorica liegen um Hunderte Euro höher, die Arbeitslosigkeit ist dort minimal, während die Hälfte der Einwohner der nördlichen Gemeinden am Rand der Armut lebt. In der Folge haben dieselben 100 Euro für einen Einwohner von Budva oder Tivat und für eine Familie aus Bijelo Polje oder Pljevlja einen völlig unterschiedlichen Wert: Für die einen ist es nur ein kleiner Teil des Monatseinkommens, für die anderen ein erheblicher Ausgabenposten.
Im Folgenden eine Analyse aktueller DatenMonstatund anderer staatlicher Quellen, die zeigen, wie tief diese Kluft ist und wie sie sich auf den Alltag der Menschen auswirkt.
Gehälter und Kaufkraft: Der Süden verdient deutlich mehr
Nach Angaben der StatistikbehördeMonstatliegen die Löhne an der Küste und in der Hauptstadt deutlich über den Einkommen der Bewohner nördlicher Regionen. Ende 2024 betrug das durchschnittliche Nettogehalt in der wohlhabendsten Gemeinde — Tivat — 1.243 Euro, im touristischen Budva 983 Euro. Im Norden sind die Zahlen deutlich bescheidener: in Bijelo Polje nur 851 Euro, in Pljevlja rund 983 Euro.
Dieser Einkommensunterschied führt dazu, dass ein Arbeitsmonat in Tivat fast 50 % mehr Geld einbringt als in Bijelo Polje. Damit unterscheidet sich auch der Wert von 100 Euro: Für einen Einwohner von Tivat sind das etwa 8 % des Durchschnittseinkommens, in Budva 10 %, während dieselbe Summe im Norden 12 % oder mehr des Familienbudgets ausmachen kann.
Formal kann man für 100 Euro in jedem Teil des Landes die gleiche Menge an Lebensmitteln oder Treibstoff kaufen. Die relative Belastung des Haushaltsbudgets ist jedoch für verschiedene Bevölkerungsgruppen nicht vergleichbar: Für die Bewohner des Nordens ist ein solcher Einkauf spürbar schwerer und reduziert die verbleibenden Mittel für grundlegende Bedürfnisse.
Verschärft wird die Lage dadurch, dass Mindestlohn und Rente landesweit einheitlich sind. Viele Familien im Norden leben von einem Mindestlohn von rund 600 Euro oder einer Rente von etwa 450 Euro, was die notwendigen Ausgaben kaum deckt. Der minimale Warenkorb für eine vierköpfige Familie kostete laut Daten von Ende 2023 rund 830 Euro, sodass seine Deckung im Norden fast zwei lokale Durchschnittsgehälter erforderte. Der gewerkschaftliche (soziale) Warenkorb erreichte Ende 2025 bereits 2.045 Euro. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Einkommen eines großen Teils der nördlichen Familien nicht einmal die Hälfte des Betrags erreichen, der für einen würdigen Lebensstandard nötig ist.
Arbeitslosigkeit: Im Süden historisch niedrig, im Norden chronisch hoch
Die Kluft zwischen den Regionen zeigt sich nicht nur bei den Gehältern, sondern auch bei der Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen. Die südlichen Gemeinden und Podgorica befinden sich faktisch in Vollbeschäftigung. Nach Daten von Ende der ersten Hälfte 2025 lag die Arbeitslosenquote in den vier Küstenstädten unter 2 %: Kotor 1,23 %, Herceg Novi 1,56 %, Budva 1,68 %, Tivat 1,78 %. In der Hauptstadt lag der Wert bei etwa 3–4 %.
Im Norden ist die Lage diametral entgegengesetzt. In mehreren Gemeinden erreicht und übersteigt die Arbeitslosigkeit 50 %: Petnjica 68,9 %, Gusinje 61,3 %, Andrijevica 51,4 %, Plav und Rožaje rund 48 %. Selbst in den größten nördlichen Gemeinden — Bijelo Polje und Pljevlja — ist die Zahl der Arbeitslosen um ein Vielfaches höher als an der Küste. In Berane lag die Arbeitslosigkeit 2025 bei etwa 36 %.
Der statistische Rückgang der Arbeitslosigkeit im Norden hängt dabei teilweise nicht mit der Schaffung von Arbeitsplätzen zusammen, sondern mit massiver Abwanderung. Viele Einwohner des Nordens ziehen nach Podgorica, an die Küste oder ins Ausland, sodass die Zahl der Arbeitslosen schneller sinkt als die Beschäftigung wächst. So gab es in Rožaje innerhalb eines Jahres 812 registrierte Arbeitslose weniger, während die Zahl der Beschäftigten nur um 263 stieg — der Rest erklärt sich durch Wegzug.
Auch die Wirtschaft der Region ist durch die Folgen von Privatisierung und Betriebsschließungen geschwächt. In den meisten nördlichen Gemeinden bleiben die größten Arbeitgeber die lokalen Verwaltungen und kommunalen Dienste. Eine Ausnahme bilden Pljevlja und teilweise Bijelo Polje, wo noch große Industrieunternehmen tätig sind.
Der Norden in der Armutsfalle: Jeder Zweite ist gefährdet
Niedrige Einkommen und fehlende Arbeit wirken sich direkt auf das Armutsniveau aus. Laut Monstat leben 40 % der Bevölkerung in den nördlichen Regionen unter Armutsrisiko — das ist viermal mehr als an der Küste, wo der Wert bei etwa 10,5 % liegt, und fast dreimal mehr als in der Zentralregion (14,7 %).
Das bestätigt die These von den „zwei Montenegros“. Die nördlichen Gemeinden gehören seit Jahrzehnten zu den Regionen mit dem höchsten Risiko sozialer Ausgrenzung, und ihre Bevölkerung schrumpft rapide. In den letzten drei Jahrzehnten hat der Norden durch Abwanderung in die südlichen Städte oder ins Ausland mehr als 50.000 Einwohner verloren. Der Bevölkerungsrückgang verkleinert den Binnenmarkt und bremst die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich.
Auch der vom Staat nach Einkommen, Bildung und Beschäftigung berechnete Entwicklungsindex zeigt eine enorme Kluft. In den Jahren 2022–2024 erreichten Budva und Tivat 170 % bzw. 135 % des landesweiten Durchschnitts. Gemeinden wie Bijelo Polje und Berane kamen kaum auf 66 %, während Petnjica nur 27 % erreichte. Anders gesagt: Budva liegt beim Entwicklungsniveau sechsmal vor Petnjica.
Investitionen und Infrastruktur: Der Süden entwickelt sich, der Norden wartet auf seine Chance
Trotz Beteuerungen einer gleichmäßigen Entwicklung fließen die größten staatlichen Investitionen traditionell nach Podgorica und in die Küstenregionen. Im Kapitalhaushalt für 2026 konzentriert sich der Großteil der rund 400 Millionen Euro erneut auf den Süden und die Hauptstadt — vom Bau eines staatlichen Rechenzentrums im Wert von 300 Millionen Euro bis zur Modernisierung der Infrastruktur.
Der Norden erhält dagegen nur ein minimales Investitionsvolumen, und selbst angekündigte Projekte — Skizentren, Straßen, Fabriken — werden oft verschoben. Ein Beispiel ist dieAutobahn Bar–Boljare: Es wurde nur der erste Abschnitt der Trasse gebaut, der Rest befindet sich weiterhin in der Planungs- und Entwurfsphase.
Auch ausländische Investitionen fließen häufiger an die Küste — in Tourismus, Immobilien und Energie. Podgorica und die Küste ziehen konstant zwei Drittel aller Investitionen des Landes an.
Zwei Seiten eines Landes — wie lässt sich die Kluft überwinden?
Alle Daten — von Gehältern und Arbeitslosigkeit bis zum Entwicklungsindex — sagen dasselbe: Montenegro ist in einen erfolgreichen Süden und einen kämpfenden Norden geteilt. 100 Euro in der Tasche eines Bewohners von Budva und eines Bewohners von Bijelo Polje sind nicht dieselbe Summe, ebenso wenig wie die Perspektiven junger Menschen in Tivat und in Plav.
Experten warnen: Ohne die Entwicklung des Nordens wird es keine nachhaltige Entwicklung des Landes insgesamt geben. Die Behörden müssen Investitionen stärker anregen, die Infrastruktur ausbauen, die lokale Wirtschaft unterstützen und wichtige Straßen fertigstellen, einschließlich der Fortsetzung der Autobahn bis zur Grenze zu Serbien. Wichtig sind auch Investitionen in den Wintertourismus, die Landwirtschaft und neue Produktionsbetriebe.
Solange diese Aufgaben nicht erfüllt sind, wird die Statistik weiterhin zwei ungleiche Realitäten widerspiegeln, und die Bewohner der nördlichen Regionen werden weiterhin vor der schwierigen Wahl zwischen einem Leben zu Hause und einem Umzug dorthin stehen, wo 100 Euro deutlich weniger wert sind.
Foto: Benjamin Nolte/dpa-tmn/dpa
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