Ende der Visafreiheit: Montenegro hat Visa für die Türkei eingeführt. Wie und wo man sie 2025 erhält
Ab dem 30. Oktober 2025 setzte Montenegro überraschend das 17 Jahre lang geltende Abkommen über die Visafreiheit mit der Türkei aus, das seit 2008 in Kraft war. Diese Entscheidung, die Tausende von Touristen, Investoren und Familienangehörigen betraf, löste in beiden Ländern einen Schock aus. Of...
Mit dem 30. Oktober 2025 hat Montenegro überraschend die 17 Jahre lang geltende visafreie Regelung mit der Türkei ausgesetzt, die seit 2008 in Kraft war. Diese Entscheidung, von der Tausende Touristen, Investoren und Familienangehörige betroffen sind, löste in beiden Ländern einen Schock aus. Offiziell begründete Podgorica diesen Schritt mit der Notwendigkeit, die Kontrollen zu verschärfen und die öffentliche Sicherheit nach einem kriminellen Vorfall zu gewährleisten. Hinter dieser Entscheidung zeichnen sich jedoch tiefere geopolitische Motive und erhebliche wirtschaftliche Folgen ab.
Wie erhält man jetzt ein Visum?
Die neuen Regeln gelten für Bürger der Türkei mit gewöhnlichen (burgunderfarbenen) Reisepässen.Für die Reise nach Montenegro müssen sie nun im Voraus ein Visum beantragen.
Antragsverfahren:Visumanträge werden persönlich in der Botschaft Montenegros in Ankara oder im Generalkonsulat in Istanbul entgegengenommen.Ein elektronisches Visum (e-visa) ist für türkische Staatsbürger derzeit nicht vorgesehen.Die reguläre Bearbeitungszeit beträgt etwa 10 Werktage, Verzögerungen sind jedoch möglich.
Erforderliche Unterlagen:Für ein Touristenvisum (Typ „C“, bis zu 90 Tage) wird ein Standardpaket an Dokumenten benötigt:
Gültiger Reisepass, dessen Gültigkeit die Visumdauer um mindestens drei Monate übersteigt.
Ausgefülltes und unterschriebenes Visumantragsformular.
Ein Farbfotoim Passformat (3,5 x 4,5 cm).
Nachweis des Reisezwecks(Hotelreservierung, Einladung einer natürlichen oder juristischen Person).
Nachweis ausreichender finanzieller Mittelfür den Aufenthalt (z. B. Kontoauszug).
Türkische Staatsbürger, die ein Visum beantragen möchten, müssen sich an eine dieser beiden Vertretungen wenden.
Wichtige Ausnahmen:Ein Visum ist weiterhin nicht erforderlich für Inhaber diplomatischer, dienstlicher und besonderer (grüner) türkischer Pässe. Außerdem können türkische Staatsbürger bis zu 30 Tage ohne montenegrinisches Visum nach Montenegro einreisen, wenn sie über ein gültiges Mehrfachvisum oder eine Aufenthaltserlaubnis eines der folgenden Länder verfügen:Schengen-Raum, USA, Vereinigtes Königreich, Irland, Kanada, Australien, Neuseeland oder Japan.
Ein Schlag für Tourismus und Wirtschaft
Die Folgen der Entscheidung ließen nicht lange auf sich warten. Der Touristenstrom aus der Türkei, Montenegros zweitgrößtem Markt nach Serbien,brachpraktisch sofort ein. Die Auslastung der Flüge von Istanbul nach Podgorica sank im Durchschnitt von 120–150 Passagieren auf nur noch 40, was einem Rückgang von rund 70 % entspricht.
Das ist ein enormer Schlag, wenn man bedenkt, dass auf türkische Touristen in den ersten drei Quartalen 2025 15 % des gesamten Passagieraufkommens entfielen. Zudem handelte es sich um einenschnell wachsenden Markt: Der Anteil der Übernachtungen türkischer Touristen stieg von 2,9 % im Jahr 2023 auf 4,9 % im Jahr 2024. Die Einführung von Visa hat das Segment der Kurzreisen und Wochenendtrips faktisch zerstört, da nur wenige bereit sind, für einen 3- bis 4-tägigen Aufenthalt ein bürokratisches Verfahren auf sich zu nehmen.
Betroffen sind nicht nur die Fluggesellschaften und der Flughafen Podgorica, für den die Türkei eines der wenigen ganzjährigen Ziele war, sondern die gesamte Tourismusbranche: Hotels, Restaurants und lokale Reisebüros. Auch 6.866 Unternehmen in Montenegro, die türkischen Staatsbürgern gehören, sind gefährdet und sehen sich mit einem verschlechterten Investitionsklima konfrontiert.
Medizintourismus: asymmetrische Risiken
Besondere Sorge bereitet die mögliche Auswirkung auf den Medizintourismus. Hier zeigt sich eine deutliche Asymmetrie: Die Türkei ist einglobales Zentrum für medizinische Dienstleistungenund zog 2023 dank hoher Qualität und erschwinglicher Preise 1,8 Millionen Patienten an. Montenegro hingegen verfügt in diesem Bereich nur über Potenzial, während seine Bürger wegen der schwach entwickelten Infrastruktur für komplexe Behandlungen oft ins Ausland reisen müssen.
Viele Montenegriner nutzen die Dienste türkischer Kliniken. Wie ein montenegrinischer Abgeordneter bemerkte, würde eine türkische Gegenmaßnahme im Visabereich „die Bürger Montenegros stärker treffen, weil wir Ihre Krankenhäuser nutzen“. Der türkische Botschafter hat bereits vor möglichen „gegenseitigen Maßnahmen“ gewarnt. Damit gefährdet die Entscheidung Podgoricas nicht nur touristische Reisen, sondern auch den Zugang der eigenen Bürger zu lebenswichtigen medizinischen Leistungen.
Politischer Hintergrund und Zukunft der Beziehungen
Der offizielle Anlass für die Abschaffung der Visafreiheit war einMesserangriffsvorfallin Podgorica, der öffentliche Unruhen auslöste. Viele Analysten halten dies jedoch nur für einen Vorwand. Als Hauptgrund gilt der strategische Kurs Montenegros auf den EU-Beitritt, der eine Harmonisierung der Visapolitik mit den Standards des Schengen-Raums verlangt und damit die Einführung von Visa für die Türkei bedeutet.
Die Entscheidung spaltete sogar die montenegrinische Regierung. Präsident Jakov Milatovićkritisierte sie scharfals „überstürzt“ und warnte, sie könne den bilateralen Beziehungen schaden und „antifremdenfeindliche Stimmungen schüren“.
Trotz der Zusicherungen der Behörden, die Maßnahme sei „vorübergehend“, ist eine Aufhebung in der Zukunft wegen der Verpflichtungen gegenüber der EU unwahrscheinlich. Dieser Schritt markiert einen Wendepunkt, an dem sich Montenegro für die europäische Integration entscheidet und dabei langfristige wirtschaftliche und humanitäre Beziehungen zu einem wichtigen Partner – der Türkei – riskiert.