Beitritt Montenegros zur EU: Geheimbericht der Europäischen Kommission
In den letzten Monaten ist das Thema der EU-Erweiterung wieder zu einem der wichtigsten auf der europäischen politischen Bühne geworden. Doch hinter den lauten Ankündigungen eines „neuen Impulses“ verbirgt sich eine harte Realität: Das einzige Land, das dem Abschluss des Integrationsprozesses wirklich nahe ist, ist Montenegro. Das belegt ein unveröffentlichter Entwurf des Berichts der Europäischen Kommission, zu dem Journalisten der kroatischen Zeitung Jutarnji list im Mai 2026 Zugang erhielten.
Der einzige reale Kandidat auf dem Balkan
Laut dem Entwurf eines Dokuments der Europäischen Kommission, dessen Veröffentlichung mehrfach verschoben wurde (zunächst von Oktober 2025 auf Ende des Jahres und dann auf das Frühjahr 2026), befindet sich der Erweiterungsprozess der EU für die meisten Beitrittskandidaten in einer Phase der Stagnation.
Im Bericht werden die Kandidatenländer bewertet:
Montenegro ist der absolute Spitzenreiter des Prozesses. Das Land hat alle Verhandlungskapitel eröffnet und bislang 14 davon erfolgreich abgeschlossen. Die größte Herausforderung für Podgorica besteht derzeit darin, die strengen Kriterien für den Abschluss der verbleibenden 19 Kapitel zu erfüllen.
Albanien hat gewisse Fortschritte erzielt, indem es im vergangenen Jahr alle Verhandlungskapitel eröffnet hat, konnte jedoch bislang keines davon abschließen.
Serbien ist ins Stocken geraten: Neue Kapitel wurden seit mehr als vier Jahren nicht eröffnet, wegen Problemen mit der Rechtsstaatlichkeit, den Beziehungen zu Russland und dem ungelösten Dialog mit dem Kosovo.
Nordmazedonien und Bosnien und Herzegowina bleiben aufgrund innerer politischer Differenzen und langwieriger Streitigkeiten mit den Nachbarstaaten blockiert.
Das Dokument betont, dass die Integration Montenegros — eines Landes mit etwas mehr als 600.000 Einwohnern — für die Europäische Union keinerlei ernsthafte finanzielle oder institutionelle Herausforderungen darstellt. Mehr noch: Sein Beitritt ist für Brüssel selbst von entscheidender Bedeutung, um die Tragfähigkeit des Erweiterungsprozesses zu beweisen und das Vertrauen der Bürger europäischer Staaten nicht zu verlieren.
Beitrittsvertrag
Parallel zu den Bewertungen der Europäischen Kommission hat der Europäische Rat mit der Arbeit am Entwurf eines Beitrittsvertrags Montenegros zur EU (Accession Treaty)
. Die Einrichtung einer zuständigen Arbeitsgruppe wurde lange Zeit von Frankreich, Deutschland und den Niederlanden blockiert, die darauf bestanden, dass die EU vor der Aufnahme neuer Mitglieder interne Reformen durchführen müsse (etwa das Vetorecht einzelner Staaten überarbeiten). Am Ende wurde ein Konsens gefunden.
Wie europäische Diplomaten anmerken, wird dieses Dokument grundsätzlich neu sein. Nach Angaben des kroatischen EU-Abgeordneten Tonino Picula wird der Beitrittsvertrag Montenegros ein Dokument der „neuen Generation“ sein. Er wird verstärkte Schutzmechanismen für den Fall eines Rückschritts des Landes in Fragen der Rechtsstaatlichkeit enthalten. Der Abgeordnete betont, dass Montenegro zum „Maßstab für die künftige Erweiterung“ werden müsse und ein beschleunigter Beitritt nicht auf Kosten der Qualität der Reformen erfolgen dürfe.
Preis der Frage und Herausforderungen für die EU
Im Bericht der Europäischen Kommission wird außerdem ausführlich analysiert, wie sich die Erweiterung selbst auf die internen Mechanismen der EU auswirken wird. Experten warnen, dass bei der Aufnahme neuer Länder die Hauptlast auf folgende Bereiche fallen wird:
Kohäsionspolitik (Politik des regionalen Zusammenhalts).
Gemeinsame Agrarpolitik.
Umweltschutz.
Freizügigkeit der Arbeitskräfte.
Dabei beruhigt die Kommission die Skeptiker: Der Gesamtschock für das europäische System wird nicht größer sein als beim „großen Knall“ von 2004, als 10 neue Staaten gleichzeitig der EU beitraten.
Ziel — 2028
Die Regierung Montenegros erklärt offiziell und zuversichtlich ihre Absicht, bis 2028 das 28. Mitglied der EU zu werden. Die Ministerin für europäische Angelegenheiten, Maida Gorčević, bestätigte im April 2026, dass die Integration nicht mehr ausschließlich deklarativen Charakter hat — sie wird durch konkrete Veränderungen in den Institutionen und in der Gesetzgebung umgesetzt. Um dieses Ziel zu erreichen, schließt Montenegro die verbleibenden Verhandlungskapitel beschleunigt ab und verzichtet auf „Abkürzungen“ zugunsten einer vollständigen und qualitativ hochwertigen Erfüllung aller Brüsseler Kriterien.
Quellen:
Vijesti.me (10.05.2026) — «Jedino je Crna Gora blizu okončanja postupka: Jutarnji list o neobjavljenom Izvještaju EK» | Original lesen
Dan.co.me (10.05.2026) — «Jutarnji list o neobjavljenom Izvještaju EK: Crna Gora jedina suštinski blizu ulaska u EU» | Original lesen
Gov.me (April 2026) — Aussagen der Ministerin Maida Gorčević zum Ziel 2028 | Original lesen
Portal Analitika (10.05.2026) — «Picula: Nije najvažnije kada, nego kakva će Crna Gora ući u EU» | Original lesen